Erinnerungen an eine „Verschwundene Welt"

Kalletal/Dörentrup (red). Sowie er Natur und Orte genau beobachtet hat, um sie später malerisch auf Bildern und Holzdrucken festzuhalten, so hat Hermann Diestelhorst (1924 – 2004) bereits als Kind und Jugendlicher Menschen, Umgebung und Geschehnisse studiert. Daraus hat er Jahrzehnte später sein Manuskript „Verschwundene Welt“ verfasst. Dargestellt wird die Zeit von 1929 bis 1938 in seinem Geburtsort Varenholz von seinem ersten Erinnern bis zu seinem Fortgang zur Schule nach Detmold. Aus diesem Manuskript ist nun durch Erweiterungen ein echtes Hermann-Diestelhorst-Buch entstanden. Herausgegeben haben es Hans-Ulrich Krause, Patenkind und Neffe von Hermann Diestelhorst, sowie dessen ältester Sohn Tore.

Hermann Diestelhorst hat in Varenholz rund 20 Jahre verbracht. Nach dem Krieg hat er eine Zeitlang bei der Ufa-Filmgesellschaft, die im Schloss des Dorfes residierte, als Gärtner gearbeitet. Rund fünf Jahre war er Lehrer in Schwelentrup, ehe Bielefeld-Kirchdornberg für Jahrzehnte sein neuer Heimatort wurde.

„Verschwundene Welt“ ist ein treffender Buchtitel. Denn das Varenholz, das hier beschrieben wird, gibt es so schon lange nicht mehr. Die Schule mit zwei Lehrern existiert seit Jahrzehnten nicht mehr. Aber durch die dargestellen Schulerlebnisse steht die Zeit in diesem Buch noch einmal auf. Damals gehörten Schläge des Lehrers mit dem Bambusstock auf die flache Hand der Schüler durchaus zur Tagesordnung.

Sehr gut gelingt dem Autor auch die Beschreibung des elterlichen Bauernhofes mit den vom Jahreszyklus dominierten Arbeiten dort. Er beobachte seinen Vater beim Säen des Korns aus der Hand; er schaute zu, als Kälbchen geboren wurden und musste dabei behutsam helfen. Das große Vertrauen zu seiner Mutter schimmert durch viele Zeilen. Abends saß er auf der Holzkiste für den Ofen und besprach mit seiner Mutter die Tagesereignisse. Einmal musste er ihr beichten, zehn Pfennig aus ihrer Spardose genommen zu haben, um sich ein Stück Bienenstich zu kaufen („Das Wunderwerk der Backkunst“). Der Diebstahl führte bei ihm zu einer großen Seelenqual.

Als Achtjähriger erlebte Hermann Diestelhorst im Lipper Wahlkampf den Auftritt von Dr. Joseph Goebbels im damaligen Lokal Böke. Als sich Turbulenzen ankündigten, hob ihn der Großvater aus dem Fenster und rief ihm zu: „Lauf nach Hause. Ich komme gleich nach.“

Hermann Diestelhorst berichtet von kindlichen Spielen der damaligen Zeit, beispielsweise dem Sammeln von Bildern, die seinerzeit in Zigarettenschachteln steckten. Die Dorfjugend umlagerte förmlich Bauarbeiter, Bauern oder Handwerker, um für sie die begehrten Glimmstengeln mit den Bildern zu holen. Auch zu den Ziegenhüte-Jungen am Weidehaus zog es Hermann Diestelhorst, obwohl es seine Eltern verboten hatten. Allerhand Schabernack wurde dort getrieben – beispielsweise das Essen einer gebratenen Schnecke. „Ich ging nie wieder hin“, resümiert der Autor.

Zutreffend hat Hermann Diestelhorst neben der Beschreibung seiner Familie auch die in seiner Nachbarschaft befindlichen Handwerksbetriebe dargestellt. In den Ferien besuchte er sie alle: Tischler, Schneider, Zigarrenmacher, Schuster, Korbmacher. Dem Tischler Fritz Obenhaus musste der junge Hermann Diestelhorst einmal assistieren, um einen Leichnam in den Sarg zu legen. Er schreibt: „Ach, was waren sie kalt, diese Greisenfüße.“

Es gibt weitere ergreifend-rührende Szenen in seiner Erzählung, und es gibt auch traurige: sein Bruder Fritz ertrank beim Weserhochwasser 1947 aus Leichtsinn. Dazu schreibt Diestelhorst: „Wir waren alle wie gelähmt, und es hat für uns Jüngere lange gedauert, bis wir uns wieder in den Alltag des Lebens finden konnten. Für Mutter war es die bitterste Stunde ihres Lebens. Sie ist nie wieder darüber hinweggekommen.“

Dieses Buch ist ein Stück Varenholzer Orts- und ein Stück Familiengeschichte der Diestelhorsts. Aus Schwelentrup sind zwei Fotos abgedruckt: einmal eine Schulklasse mit Hermann Diestelhorst als Lehrer, und dann die Fußballmannschaft des RSV Schwelentrup II, aus der er 1954 mit einem Blumenstrauß verabschiedet wurde. Auf einer Doppelseite ist das von ihm gemalte Bild „Schwelentrup im Winter 1951“ zu finden. Mit seiner Frau Elisabeth wohnte er damals dort auf dem Hof Pieper. Auch das findet in den Lebensdaten Erwähnung.

Das Buch ist für 16 Euro (plus Porto und Verpackung) bei Hans-Ulrich Krause zu bestellen: Varenholzer Straße 34, 32689 Kalletal-Varenholz, Tel.: 05755 – 364 und E-Mail: hans-ulrich-krause@t-online.