Die Steirische Harmonika findet den Weg ins Kalletal

Kalletal-Westorf (rto). Was eine Erbschaft so ausmachen kann. Mit 65 Jahren erbte Eva Adrian aus Westorf ein Knopfakkordeon. Weil ihr das Instrument zu schade war, um es nur herumstehen zu lassen, ist sie angefangen damit zu spielen. Über die Kontakte zum Musikgeschäft in Detmold ist sie dann im Jahr 2018 an die Steirische Harmonika gekommen und hat das eigentlich seit den 70er Jahren fast ausgestorbene Instrument lieben gelernt. Jetzt ist es ihr sogar gelungen, mit Martina Kluge, einer der besten Akkordeonlehrerinnen nach Westorf zu bekommen. Zusammen mit ihr sind noch weitere Steirische Harmonika-Spieler aus Wolfsburg, der Eifel, dem Müsterland und aus Friesland gekommen. Sie alle trafen sich jetzt für drei Tage im Gasthaus „Stilles Eck“, um sich in Einzelunterrichten durch die Musiklehrerin weiterzubilden.

Die in Musikerkreisen als minderwertiges Volksinstrument klassifizierte Steirische Harmonika, erlebt seit geraumer Zeit eine wahre Renaissance. Sie ist bunt, hat einen guten Bass-Sound, ist mit rund 7,5 Kilogramm nicht besonders schwer und man kann sie sehr schnell erlernen. Allerdings ist so ein Instrument nicht besonders preiswert. Gute Stücke starten so bei rund 5.000 bis 6.000 Euro. Dafür kann man aber mit ihr sehr viel Spaß haben, wie der Vortagsabend der Seminarteilnehmer zeigte.

Die heute 75-jährige Kalletalerin Eva Adrian, hat zunächst mit Selbstversuchen und der Unterstützung durch das Internet begonnen. Dort ist sie dann auch auf die Methode „Michelbauer“ gestoßen. „Mit der Methode ist das Lernen ganz einfach. Man spielt nach einer Griffschrift und benötigt keine Noten“, sagt die begeisterte Harmonika-Spielerin.

Mit dem Werk des Österreichers Prof. Florian Michelbauer lernen die Harmonikaspieler auch das Spielen des Instrumentes mit fünf Fingern. Üblich war früher das Vierfinger-System, weil der Daumen zum halten des Instrumentes gebraucht wurde. „Das Vier- oder Fünffingersystem führt unter den Harmonikaspielern zu echten Grabenkämpfen“, weiß Martina Kluge, zu berichten. Sie ist Mitglied des Bundesakkordeonorchesters und unterrichtet an der Michelbauer-Harmonikaschule als Dozentin. Sie lehrt das Fünffingersystem und sagt dazu lachend: „Mit diesem System hat Prof. Michelbauer den Daumen zum Klingen gebracht.“

Eva Adrian ist von ihrem Instrument so begeistert, dass sie neben den Unterrichten bei Martina Kluge in Werdol auch schon den einen oder anderen Urlaub in Österreich verbracht hat, um dort an Seminaren teilzunehmen. „Weil Frau Kluge auch Seminare vor Ort anbietet, habe ich gedacht, wir könnten so etwas doch auch einmal hier im Kalletal machen. So haben die Teilnehmer aus Niedersachen auch nicht so einen weiten Weg“, sagt die begeisterte Musikerin. Die Idee kam sehr gut an. Den Teilnehmern aus dem Norden Deutschland hat es im Kalletal sehr gut gefallen. Sie konnten sich nicht nur in Einzelunterrichten weiterbilden, sondern übten alle zusammen auch das Spielen im Ensemble.

Am Samstagabend hatte Eva Adrian einige Freunde zu einem kleinen „Konzert“ eingeladen. So ein Abend, sei wichtig für die Spieler, sagt Martina Kluge, um ihnen die Angst vor Auftritten zu nehmen.

Die sechs Teilnehmer zeigten an diesem Abend keine Berührungsängste und mit der Vielzahl ihrer Stücke auch die Vielfältigkeit ihres Musikinstrumentes. Das war nicht nur alpenländische Folklore. Da war es plötzlich gar nicht mehr so still im „Stillen Eck“ und die Zuhörer am Samstagabend konnten erleben, dass es auf diesem traditionellen Instrument nicht immer eine Polka sein muss.

Von der Nordsee über den „Weserbogen“ bis zu Rocco Granata’s fünfziger Jahre Hit „Marina“, und bis hin zu Leonhard Cohen’s „Hallelujah“ war alles dabei.

Den Gästen hat es gefallen und den Teilnehmern auch. Eva Adrian war am Ende stolz auf ihre Idee. Passend zum Abend hatte sie ihr neues Dirdl angezogen.