Wie aus 16 Dörfern eine Gemeinde wurde

Kalletal (rto). Vor 50 Jahren, im Jahr 1969, gab es nicht nur die erste bemannte Mondlandung und das legendäre Musikfestival im Woodstock. In Deutschlands größtem Bundesland sorgte die Gemeindegebietsreform für viel Gesprächsstoff und Unmut. Unmut, der sich teilweise noch bis heute hält, nicht nur in den großen Zusammenschlüssen, dort wo selbstständige Städte ihre Namen verloren und nur noch Stadtteile wurden, sondern auch auf dem Land, wie hier im Kalletal.

Sechzehn selbstständige Dörfer die bis dahin autonom handeln konnten, wurden nach dem „Lemgo Gesetz“ Abschnitt I, § 7, das am 5. November 1968 vom Landtag verabschiedet wurde, zur Großgemeinde Kalletal zusammengelegt. Damit entstand die flächenmäßig zweitgrößte Gemeinde in Lippe, nicht jedoch bei allen auch ein Gemeinschaftsgefühl, das die zukünftigen Bürgerinnen und Bürger in sich tragen sollten. Noch heute ist bei Vielen ein Kalldorfer ein Kalldorfer und ein Lüdenhauser eben ein Lüdenhauser. Und die Weserdörfer sind für die Westorfer fast soweit weg wie die Nordsee, während sich die dort an der Weser, nie mit denen da oben zusammentun würden. Bestes Beispiel sind die Landfrauen in Stemmen, die am Ende lieber untergehen wollten, als sich mit Hohenhausen zusammenzuschließen. Und doch sind sie alle Kalletaler!

Nun mag man darüber denken wie man will, aber die Politik hat sich damals schon etwas dabei gedacht. Die neue Identität zu finden ist die eine Sache, das wirtschaftliche Handeln eine andere. Ewald Heineke als beauftragter Gemeindedirektor und Heinrich Kuhlemann als beauftragter Bürgermeister hatte die undankbare Aufgabe die Umsetzung im Jahr 1969 durchzuführen.

Dass die Gemeindereform dann das bringt, was man von ihr erwartete, dafür sorgten vom 1969 bis 1979 Karl Kraft als Bürgermeister und Gerhard Lindemann von 1969 bis 1989 als Gemeindedirektor. Ihnen folgten von 1979 bis 1994 Waldemar Flörkemeier, und von 1994 bis 1999 Werner Dalpke, als Bürgermeister. Klaus Fritzemeier, der von 1989 bis 1999 Gemeindedirektor war, wurde als erste hauptamtlicher Bürgermeister nach der Abschaffung der Doppelspitze gewählt und war Bürgermeister bis 2009. Ihm folgten Andreas Karger und der seit dem Jahr 2005 als Dritter in das Amt gewählte, aktuelle Bürgermeister Mario Hecker.

Sie alle sind und waren bemüht, Vorgänge zu zentralisieren und die Bürokratie der Großgemeinde zu einfachen. Das ist nicht immer leicht und alle mussten den einzelnen Anforderungen der Dörfer immer wieder gerecht werden.

Das größte Problem ist dabei aber schon am Anfang gelöst worden. Wollte die Reform zunächst, dass die Namen der Ortsteile verschwinden in “Kalletal 1 bis 16“, erhob sich dagegen schnell Widerstand. Auch einige Heimatvereine, die sich damals zur Wahrung der dörflichen Identität gründeten, sorgten schnell mit ihrem Protest dafür, dass die neuen Ortsteile der Großgemeinde ihre Namen behielten.

Dennoch war der Schritt der Reform im Nachhinein betrachtet richtig. Die Bürokratie wurde vereinfacht und Ausgaben konzentriert.

“Gemeinsamkeit macht stark“, und so können bis heute im Wettbewerb der Ortsteile im Gemeinderat immer wieder Dinge auf den Weg gebracht werden, die die einzelnen Dörfer so nicht zustande bekommen würden. Bestes Beispiel ist der Bauhof der jetzt für alle tätig werden kann oder die Städtebauförderung durch den Zusammenschluss der Leader-Region Nordlippe. Die Verwaltung ist dabei stetig bemüht, jedes Dorf zu berücksichtigen.

Nach einem langen tiefen Tal, durch das auch die Gemeinde Kalletal wie viele gehen musste, sprudeln jetzt die Einnahmen durch die Gewerbesteuer. Durch den Abbau großer Schulflächen, die energetischen Sanierungen an großen Gemeindeobjekten und den Verkauf längst nicht mehr benötigter und belastender Immobilen, ist die Gemeinde jetzt wieder auf einen guten Weg. Für die steigende Nachfrage nach Bauland für Privathäuser an den Grenzen zu Lemgo und Bad Salzuflen sucht die Gemeinde nach Investoren als Generalunternehmen, das Bauland ist bereits da. Auch die Nachfrage nach Gewerbegrundstücken steigt.

Mit dem Thema “Wald und Wandern“ nähert sich die Großgemeinde auch wieder der Zeit, in der das Kalletal als Erholungs- und Ausflugsziel für viel Menschen reizvoll schien.

Als Resümee nach fünfzig Jahren lässt sich heute sagen: Auch wenn es bisher ein langer Weg war, es ist der richtige Weg. Aus den vielen kleinen Selbstverwaltungen ist ein funktionierendes Großes geworden.