Kalletal (red). Vor einem Jahr hat die Gemeinde Kalletal mit dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Kalletal GmbH eine neue Struktur zur Sicherung der hausärztlichen Versorgung geschaffen. Die 100-prozentige Tochter der Kommune ist seither Gegenstand intensiver politischer und öffentlicher Diskussionen. Bürgermeister Mario Hecker äußert sich im Gespräch mit dem Nordlippischen Anzeiger zur Entwicklung – und benennt dabei auch kritische Begleiterscheinungen des Projekts.

Nordlippischer Anzeiger: Herr Hecker, ein Jahr MVZ Kalletal – wie fällt Ihre Bilanz aus?
Mario Hecker: Sehr klar positiv. Wir haben eine funktionierende Versorgungsstruktur aufgebaut, die inzwischen rund 2.200 Patientinnen und Patienten betreut – mit weiter steigender Tendenz. Das zeigt eindeutig: Der Bedarf ist da, und wir haben eine richtige Entscheidung getroffen.

Nordlippischer Anzeiger: Gleichzeitig bleibt das Projekt politisch umstritten.
Mario Hecker: Kritik ist legitim, aber sie muss sich an der Realität orientieren. Wir haben hier keine fertige Struktur übernommen, sondern etwas komplett Neues aufgebaut. Dass das unter den Begleiterscheinungen nach Eröffnung im ersten Jahr nicht kostendeckend funktioniert, ist weder überraschend noch ein Skandal, sondern betriebliche Realität.

Nordlippischer Anzeiger: Die Finanzierung wird dennoch stark diskutiert.
Mario Hecker: Das ist aus meiner Sicht teilweise eine Frage der Maßstäbe und bisherigen Sichtweisen auf die Aufgabe von Kommunen. Wir akzeptieren ohne große Debatten hohe Defizite beim Freibad, bei der Bücherei oder der Musikschule. Ebenso unterstützen den KJK e.V. für die die Kinder- und Jugendarbeit jährlich mit 47.000 Euro. Dem Wasserbeschaffungsverband in Liquidation gewähren wir ohne mit der Wimper zu zucken ein Darlehen in Höhe von 800.000 Euro. Wenn es um die medizinische Versorgung geht, wird plötzlich jede kommunale Unterstützung infrage gestellt. Das ist nicht schlüssig, insbesondere wenn man sich die sich sehr schnell verändernden Rahmenbedingungen für das Leben im ländlichen Raum vor Augen führt, gerade auch in der Gesundheitsversorgung.

Nordlippischer Anzeiger: Welche Rolle spielt das MVZ im regionalen Versorgungssystem?
Mario Hecker: Eine wichtige. Das MVZ hat nicht nur eine eigene Versorgungsfunktion, sondern auch eine klassische Zuweiserfunktion für weiterführende medizinische Leistungen. Das ist in einem vernetzten System entscheidend. Neben den Fachärzten profitieren auch Kliniken davon, wenn Patienten strukturiert und zuverlässig weitergeleitet werden. Deshalb müsste eigentlich auch dort ein Interesse an solchen dezentralen, sogenannten Satelliten-Lösungen bestehen, die zusammen ein Netzwerk zum Wohle der Patientinnen und Patienten bilden, es sei denn man verfolgt andere Pläne.

Nordlippischer Anzeiger: Sie sprechen auch von Begleiterscheinungen und gezielten Störungen rund um das MVZ.
Mario Hecker: Ja, die gab und gibt es in unterschiedlicher Form. In diesem Zusammenhang meldet sich auch in unregelmäßigen Abständen immer wieder ein Strategieberater bei mir, der seinen schriftlichen Ausführungen zur Folge konkret ein MVZ in Lemgo vorbereitet, und dabei sehr deutliche Worte wählt. Da wird das Ganze durchaus als eine Art Machtfrage dargestellt.

Nordlippischer Anzeiger: Wie bewerten Sie diese Haltung?
Mario Hecker: Diese Logik halte ich für grundfalsch. Gesundheitsversorgung ist kein Spielfeld für Besitzstände oder Konkurrenzdenken, sondern Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Wer versucht, hier Fronten aufzubauen, verkennt die Realität: Wir brauchen Zusammenarbeit statt Abschottung.

Nordlippischer Anzeiger: Sie haben auch von auffälligen Veröffentlichungen gesprochen.
Mario Hecker: Natürlich fällt auf, dass der eine oder andere dazu neigt, stets zu Beginn eines neuen Quartals das MVZ in einem schlechten Licht darzustellen. Da darf man schon die Frage stellen: Soll damit gezielt verunsichert werden, sollen Patientinnen und Patienten abgeschreckt werden, weil sie sich für eine moderne, kommunale Gesundheitsversorgung entscheiden könnten? Ich sage es ganz deutlich: Versuche, Menschen zu verunsichern oder den Wechsel zum MVZ zu verhindern, sind ein Angriff auf die Gesundheitsversorgung selbst – und das lasse ich nicht unwidersprochen. Unser Maßstab ist klar: Wir orientieren uns einzig daran, dass die Menschen vor Ort zuverlässig, kompetent und nachhaltig medizinisch versorgt werden. Alles andere ist politisches Theater, das in der Realität der Patientinnen und Patienten keinen Platz hat.

Nordlippischer Anzeiger: Hat das Auswirkungen auf die Entwicklung gehabt?
Mario Hecker: Ja, die internen Auswertungen sprechen da eine sehr deutliche Sprache. Verunsicherung wirkt zunächst und das hatte natürlich dann auch monetäre Auswirkungen. Umso deutlicher ist die Entwicklung seit Jahresbeginn: Die Patientenzahlen steigen rasant und liegen inzwischen bei rund 2.200. Das zeigt, dass sich Stabilität und Vertrauen durchsetzen.

Nordlippischer Anzeiger: Wie ist die Versorgungslage im Kalletal grundsätzlich einzuordnen?
Mario Hecker: Sie bleibt angespannt. Nach dem Tod von Dr. Michael Rossknecht im Frühjahr 2023 standen über 2.500 Menschen ohne Hausarzt da. Diese Menschen kamen zu uns ins Rathaus und haben konkret Hilfe eingefordert. Wer diese Situation erlebt hat, bewertet die Lage anders. Sie mussten damals überwiegend in Praxen nach Dörentrup, Extertal, Lemgo, Vlotho, Rinteln oder auch Bad Oeynhausen wechseln und konnten jetzt nach und nach zurückkehren. Es gab aber offenbar auch Menschen, die in der Zwischenzeit keine Möglichkeit der hausärztlichen Versorgung gefunden haben.

Nordlippischer Anzeiger: Das MVZ deckt also inzwischen einen relevanten Anteil der Versorgung ab?
Mario Hecker: Ja. Rund 70 Prozent der eingeschriebenen Patientinnen und Patienten kommen aus Kalletal, etwa 20 Prozent aus Lemgo. Damit versorgen wir ganz klar den Mittelbereich Lemgo, der weiterhin hochgradig unterversorgt ist. Die Situation bleibt dynamisch, auch weil weitere Praxisaufgaben nicht ausgeschlossen sind.

Nordlippischer Anzeiger: Es gibt auch Kritik an internen Abläufen.
Mario Hecker: Ein Punkt ist mir wichtig: Inhalte aus den nicht-öffentlichen Sitzungen der Gesellschafterversammlung gehören nicht in die Öffentlichkeit. Wenn das dennoch passiert, ist das ein Vertrauensproblem. Ob aus Unbedarftheit oder bewusst – beides ist nicht hilfreich für eine sachliche Arbeit.

Nordlippischer Anzeiger: Wie haben Mitarbeitende das erste Jahr erlebt?
Mario Hecker: Unter erheblichem Druck. Neben dem Aufbau der medizinischen Struktur gab es eine sehr intensive öffentliche Debatte. Umso höher ist es zu bewerten, dass das Team das MVZ als „ihr“ Projekt versteht und täglich sehr engagiert arbeitet.

Nordlippischer Anzeiger: Es gab auch personelle Veränderungen.
Mario Hecker: Ja, der Weggang der Kinderärztin ist bedauerlich. Gleichzeitig ist es uns gelungen, diesen halben Kinderarzt-Sitz überhaupt im MVZ zu sichern, den wir auch wieder besetzen werden. Entscheidend ist die langfristige Stabilität der Versorgung, nicht einzelne Wechsel.

Nordlippischer Anzeiger: Kritiker sehen eine zentrale Lösung für den Kreis als Alternative.
Mario Hecker: Ich halte nichts von einer zentralisierten Lösung, die weit weg von den Menschen organisiert ist. Versorgung muss nah stattfinden. Alles, was Distanz schafft, verschlechtert im Zweifel den Zugang. Zudem ist der Aufbau solcher größer umfassenden Strukturen viel komplizierter und dauert zu lange. Deshalb setze ich bewusst auf dezentrale Strukturen wie unser MVZ.

Nordlippischer Anzeiger: Abschließend: Sie arbeiten aktuell an einem weiteren Projekt?
Mario Hecker: Ja, ich habe in den zurückliegenden Wochen die Gründung eines Vereins rund um die Unterstützung der Gesundheitsversorgung im Kalletal vorbereitet. Der Impuls kam aus der Bürgerschaft. Die Gründungsmitglieder stehen bereits fest, und es werden auch bekannte Persönlichkeiten aus dem Gesundheitswesen und der Bundespolitik dabei sein. Das zeigt, wie groß das Interesse an einer langfristigen Sicherung der Versorgung ist.